GEBIETE
Clemens Ottnad M. A., Kunsthistoriker
Geschäftsführer Künstlerbund Baden-Württemberg

Galerie der Stadt Wendlingen April 2018

Karte und Gebiet war vor einigen Jahren der preisgekrönte Roman des Enfant terrible der französischen Gegenwartsliteratur Michel Houellebecq betitelt, der im Jahr 2010 im Original, 2011 in deutscher Übersetzung erschien und auf Anhieb alle Bestsellerlisten stürmte. Darin war es dem berühmt-berüchtigten Skandalautoren ausnahmsweise einmal nicht (wenigstens nicht vorrangig) um die von ihm sonst gewohnte Publikumsbeschimpfung und einen allgemeinen Kulturpessimismus zu tun. Vielmehr nimmt im Buch die pointiertere Persiflage der internationalen Galeristenszene seinen Lauf in dem Moment, als der von Houellebecq frei erfundene Maler Martin mutwillig sein programmatisches Bild „Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf“ zerstört. Fortan fotografiert der Romanheld eher Ausschnitte von Michelin-Straßenkarten, die er nachträglich bearbeitet und in einer Werkschau unter dem Titel „Die Karte ist interessanter als das Gebiet“ präsentiert, die ihn über Nacht zum millionenschweren Künstlerstar macht. Die Faszination für Landkarten scheint immerhin autobiografisch belegbar zu sein, als Houellebecq in einem seiner seltenen – wenn auch meist nichtssagenden – Interviews dazu äußerte: „Als Kind haben sie [die Landkarten] mich schon fasziniert. Die Straßen, die grün markiert sind, als besonders schöne, die Sterne, die auf Aussichtspunkte hinweisen, das alles ist schön gemacht. Auch die Reliefs. Die Farben sind genau ausgesucht. Sie sind einfach schön anzuschauen.“

Dabei ist hier aber tatsächlich ein verbreitetes Phänomen bezeichnet, das mit der immer weiter voranschreitenden Virtualisierung der Wirklichkeit und der damit verbundenen Vielfalt bzw. Vielheit der in den Medien verbreiteten Bilder einherzugehen pflegt. Sind wir in früheren Jahren (im Auto mitfahrend) wenigstens noch mit dem Finger auf der Karte oder im Atlas Stück für Stück dem zurückgelegten Weg gefolgt, blenden wir heute mithilfe diverser Navigationsgeräte die Gegenden links und rechts der Strecke vollständig aus, um nur ja rasch und umweglos zum angegebenen Ort zu gelangen. Am Ziele angekommen müssen in rekordverdächtiger Zeit all die fremdbestimmten POI’s – Points of Interest – abgeklappert und zum Beweis des vermeintlich höchstpersönlich Vorgefundenen Myriaden beliebig austauschbarer Selfies angefertigt werden, die doch nur immer wieder Abziehbilder medial vorgelebter Klischees darstellen, um sogleich atemlos zur nächsten Destination zu rasen. Die Karte ist (vordergründig) interessanter als das Gebiet, denn die Karte ist der Plan, die virtuelle Reise, das Morgen und das mögliche Mehr, Noch Mehr. – Gebiete aber muss man erst finden, sich in ihnen und im Jetzt (der Wirklichkeit) zurechtfinden und in der Folge davon unvermeidlich Seitenblicke wagen.

Sibylle Möndel nun führt uns mit ihren Arbeiten in ein Gebiet – in ihre (Bild)Gebiete gewissermaßen –, die einer sehr viel komplexeren Auffassung und Wahrnehmung bedürfen. Statt der wahllosen Anhäufung reiner Abbildmassen gehen diese jedoch auf die Verschichtung ganz und gar unterschiedlicher Ebenen zurück, die die intensiv erfahrene Wirklichkeit um sie herum – samt und besonders auch anhand von Versatzstücken millionenfach reproduzierter Medienbilder – mit einer gänzlich eigenen Sichtweise der Welt verbindet. Auch wenn sich die Künstlerin mit verschiedenen Werkgruppen offensichtlich auf ganz verschiedene Gebiete begibt, so zeigt die aktuelle Ausstellung doch auf außergewöhnliche Weise, dass wir uns stets auf einem irgendwie zusammengehörigen Terrain – eben dem Gebiet einer völlig eigenständigen (und somit eindeutig wiedererkennbaren) künstlerischen Ausdruckssprache – bewegen, in der ein Bild das andere zu ergeben scheint und damit gleichsam Weite erhält.

Dieser Eindruck einer in sich geschlossenen und konsequent sich weiter entwickelnden Vorstellungswelt beruht sowohl auf dem Themen- und Motivkreis, den Sibylle Möndel bevorzugt behandelt, als auch auf ihrer künstlerischen Vorgehensweise selbst. Mensch und Natur stehen im Mittelpunkt ihrer Sujets, beide Seiten in der Regel je für sich alleinstehend, nur ein Hund (oder ist es vielleicht doch ein Wolf?) verirrt sich da mitunter in die Wildnis ihrer scheinbar ursprünglich belassenen Landschaften. Als schier unauflösbare Dickichte müssen andererseits auch die Verdichtungen der verschiedenen, im Allgemeinen als eigentlich einander widerstrebend geltenden künstlerischen Techniken wirken, die Sibylle Möndel in eine einzigartige Symbiose zu bringen versteht; von freier, gestischer Malerei hier, mit am Computer bearbeiteten Fotografien dort, von denen einzelne Kompartimente per Siebdruck auf die Leinwände versetzt sind und zugleich doch alle sämtlich – Malgestus, Fotografie, grafische Raster und Lineamente – sozusagen wie aus einem Guss anmuten. Es handelt sich um informelle Malerei, aber sehr wohl Form und Fläche konstituierend, es handelt sich um Fotografisches, aber nirgends abbildhaft gedacht, und – handwerklich betrachtet – ist es klassischer Siebdruck, aber nie etwa zum Zweck der Herstellung von Auflagenobjekten angewandt. Seit 2014 in der Siebdruckwerkstatt des Künstlerhauses Stuttgart arbeitend, hat Sibylle Möndel diese Kombinationstechnik inzwischen immer weiter verfeinert und wendet sie in mehrfachen Arbeitsgängen abwechselnd miteinander an.

In den auf diese Weise entstehenden beziehungsreichen Überlagerungen von Ebenen gilt es für die Figuren im Bild ebenso wie für die das Bild Betrachtenden, eigene Pfade durch die Sinn- und Augenlabyrinthe zu finden, Wege und Unwägbarkeiten immer wieder neu zu bemessen. Unabhängig davon, ob wir es angesichts der gezeigten Darstellungen mit Opfern von Landminen, Gruppen von Zuflucht Suchenden oder auch etwaigen Selbstbildnissen der Künstlerin zu tun haben, vergibt Sibylle Möndel für ihre Arbeiten in aller Regel in jedem Fall ausschließlich Nummern und keine Titel, und sie fordert damit die individuelle Imaginationsgabe jedes Einzelnen noch zusätzlich heraus. Trotzdem wirken ihre wiederkehrenden Landschafts- und Figurenmotive sowie die vor allem aus dem Zeitungswesen allgemein bekannte, offsetähnliche Rasterung so, als hätten wir es dennoch mit einem gemeinsamen, kollektiven Bildgedächtnis zu tun, fragmentarisch verschwommene Erinnerungsfetzen und Zeitschnitte gewissermaßen, die jede/r von uns in sich zu tragen vermag.

Im Werkkomplex der Waldstücke beispielsweise, erscheinen – wie ein un- oder doch unterbewusster Subtext untermengt – geisterhaft verwischte Silhouetten einer Waldlandschaft, die organisch mit der freien Linie verschmelzen oder sich in lichte Flächen – fotografischen Mehrfachbelichtungen nicht unähnlich – traumartig verselbständigen. Den im übertragenen Sinne genannten Erinnerungsfetzen kommen an mancher Stelle die kleinformatigen Leinwände in formaler Hinsicht insoweit gleich, als diese zum Teil gar nicht erst auf einen Keilrahmen aufgespannt sind, sondern die unregelmäßig ausfasernden Säume des Stoffes aufweisen und so den Charakter von aus einem größeren Ganzen entnommenen Bruchstücke darstellen. In diesem nachgerade filmisch-szenischen Ablauf, in die uns die breit angelegten Bildzyklen Sibylle Möndels versetzen, kommt besonders die Bedrohtheit der Natur zum Ausdruck, einer Naturlandschaft, in der sich Mensch und Tier danach sehnen, in einen vergessen geglaubten, ursprünglich naturhaften Lebensraum wieder zurückkehren zu können.

Doch nicht weniger Wildnisse erwarten uns und den Betrachter bekanntlich im Gestrüpp der Großstadtdschungel. In einer weiteren, umfangreichen Werkreihe – von der Künstlerin schlicht Wege benannt – versuchen sich Einzelfiguren und Figurengruppen im urbanen Umfeld zu orientieren. Im Ungewissen, ob dort tatsächlich ernsthafte Kommunikation und menschliche Interaktion stattfinden kann, sind es vorwiegend Figuren, die uns den Rücken zuwenden oder den Kopf gesenkt halten. Was sie bewegt, können wir allenfalls noch ahnen, doch auch hier kommen uns die allgemein geläufigen und von der Künstlerin schemenhaft evozierten Emotionen wie Abschied, Schmerz oder Enttäuschung aus dem eigenen Erfahrungsschatz unvermeidlich in den Sinn.

Kennten sie/Sie alle also den vorgezeichneten Weg, woher sie gekommen sind und wohin sie von nun an gehen sollten, die Karte wäre möglicherweise in der Tat interessanter als das Gebiet … Die Bildgebiete von Sibylle Möndel aber machen deutlich, dass die Gebiete der eigenen Zeit und Wirklichkeit immer noch interessanter und lebendiger zu erscheinen vermöchten als alle anderen Karten zusammengenommen.

LOST IN MIGRATION
Dr. Simone Husemann

Katalogauszug: Positionierung zur Transzendenz „Hier stehe ich! … Standpunkte die bewegen“
Aktuelle Kunst und Literatur zum Reformationsjahr 2017

Stoß an Stoß reiht sich Bild an Bild; der so entstehende Bilderfries der Malerin Sibylle Möndel wird selbst zu einer Barriere, der man sich stellen muss, die es zu überwinden gilt. Der vorherrschende Farbklang wird bestimmt von einem lauten Blutrot, alles gefiltert durch ein staubiges Grau, das an manchen Stellen das dominante Rot zu einem Rosé aufweicht.
Alles noch als gegenständlich zu Erahnende ist von einem tiefen Grauschwarz: Maschen- und vor allem Stacheldraht und dann immer wieder Beine, die denselben übersteigen. Schemenhaft sind die Konturen der Rückansichten der Personen auszumachen, die sich von uns entfernen: gemeinsam Hand in Hand oder allein, andere den Stacheldraht fassend. Die Fratze des Todes besetzt grinsend die Mitte der Komposition.

Es ist die große Tragödie unserer Zeit, 60 Millionen von Menschen sind auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, ökologischer Krisen und Armut.
Gleich einem modernen Totentanz ist dieser Bilderreigen noch nicht an sein Ende gekommen. Die Künstlerin arbeitet aktuell an weiteren Tafeln.

Die von ihr gewählte Technik unterstreicht ihre bildnerische Anklage. Die Leinwände sind zum Teil mit Asche grundiert. Souverän nutzt Sibylle Möndel die Technik des Siebdrucks neben gestischer Malerei und freier Zeichnung. Bilder täglichen Grauens – unsere Augen sind längst an die Fotos der internationalen Presseagenturen gewöhnt – werden von ihr wiederverwandt. Erst in der künstlerischen Verarbeitung entfalten diese Bilder ihre tatsächliche Wirkung. Durch die Wiederholung bestimmter Bildelemente erhält diese visuelle Barriere vor unseren Augen eine Rhythmisierung, die sich unablässig und zugleich unbarmherzig wiederholt.
Durch die Verwendung des Siebdrucks werden zudem nicht nur Fragmente aus der Tagespresse zitiert und damit Fragemente aus einer Wirklichkeit in eine andere gehoben, sondern durch diesen schichtweisen Aufbau des Bildes wird auch Räumlichkeit suggeriert. Andere frei gearbeitete Strukturen lösen sich indes gänzlich vom Gegenständlichen und formen kreuzesähnliche Strukturen.

Sibylle Möndel hat mit dem Fries GrenzLAND ein eindrückliches Werk geschaffen, das die Grenzen unseres Menschseins aufzeigt.

AUFBRUCH INS UNGEWISSE
Angelika Flaig

Katalogauszug: Carl Laemmle reloaded, eine Hommage an den Gründer Hollywoods anlässlich seines 150. Geburtstages
Museum zur Geschichte von Christen und Juden, Laupheim 2017

Sibylle Möndels homage á Carl Lämmle bezieht sich auf dessen Mut, in all seinen Lebensbereichen neue Wege zu gehen. In einer neuen Heimat, auf einem neuen Kontinent medial Pionierarbeit zu leisten, war einmalig.

In „Grenzland“, einem Bilderzyklus von ca. 50 großformatigen Arbeiten, thematisiert die Künstlerin ein sich durch alle Jahrhunderte durchziehendes Phänomen, nämlich das der Wanderung in neue Gebiete.

Um die Schichten der Erinnerungen im inneren Kosmos sowohl des Einzelnen als auch ganzer Gruppen und sogar Völkern zu thematisieren, entwickelte Sibylle Möndel eine Bildfindungstechnik, basierend auf konventioneller Acrylmalerei, dem Tafelbild auf Leinwand, wobei die Technik des Siebdrucks Schichtungen und Überlagerungen verdichtet.

Grobgerasterte Fotografien – gefunden in Printmedien und dem Internet – finden verfremdet Eingang in malerische Basisstrukturen und Farbfelder.

Das Überschreiben von Geschriebenem, das Übertönen von Gesagtem und das Verschwinden von Erinnerungen gipfelt bei Sibylle Möndel im Verblassen von Farben, Zeichen und Figuren im Jetzt, dem Jetzt des gestalteten Moments, bei ihr im Bild, bei Laemmle in jeder Sequenz seiner schwarzweißen Welten im Film.